Plasticker-Interview vom 15.03.2010

Erschienen am 15.03.2010 Optionen:       

BaHsys: protosys® - Mit Rapid Tooling schnell zum Produkt

Frank Barlog, BaHsys-Geschäftsführer
protosys® von BaHsys bedeutet Rapid Tooling und das ist weit mehr als Rapid Prototyping, erläutert Frank Barlog, Geschäftsführer der BaHsys GmbH & Co. KG, im Gespräch mit der plasticker-Redaktion und veranschaulicht die angebotenen Dienstleistungen des Kunststoff-Spezialisten.

plasticker: Wofür steht das Markenzeichen Protosys?

Frank Barlog: Protosys steht zunächst als Überbegriff für das gesamte Dienstleistungsangebot der BaHsys GmbH & Co. KG. Den Anfang der Protosys-Dienstleistungskette bilden Machbarkeitsbeurteilungen, Konstruktionsleistungen, Simulationen und FEM-Betrachtungen. Es folgen die Herstellung von Prototypenwerkzeugen und das Spritzgießen von Prototypen und Vorserien aus dem vorgesehenen Serienwerkstoff mit entsprechender Verfahrenstechnik. Die anschließende Montage und Umsetzung geplanter Oberflächentechniken, wie Laserbeschriften, Lackieren und Verchromen, übernehmen unsere Protosys-Spezialisten auf Wunsch ebenfalls gerne.

plasticker: Das klingt so nach Umsetzung von Bauteilideen bis zur Herstellung von Fertigteilen! Das heißt also, einerseits Ingenieurbüro und andererseits breit aufgestellter Fertigungsbetrieb. Und wenn dem so wäre, was ist daran dann so besonders?

Frank Barlog: Auf das Besondere komme ich gerne. Der erste Teil der Feststellung stimmt noch - der zweite Teil gehört unbedingt korrigiert, weil wir nämlich weder ein Ingenieurbüro, noch ein Fertigungsbetrieb im klassischen Sinne sind. Erklären möchte ich das so: Ein klassischer Fertigungsbetrieb bedient seines Kunden Teilebedarf für die Serienherstellung und das am liebsten ab Stückzahlen von über hunderttausend pro Jahr und noch lieber noch viel mehr. Der gesamte Betriebsablauf ist ausgerichtet auf eine stabile Prozesskette, angefangen von der langfristig angesetzten Rohstoff- und Werkzeugbeschaffungsplanung, einer vorausschauenden Produktionsplanung und -steuerung, der präzisen, wiederholgenauen unterbrechungsfreien Großserienherstellung inkl. umfassender begleitender Qualitätssicherungsmaßahmen, Lagermanagement und Warenlogistik. Die Anforderungen an jeden der hier übrigens, völlig unzureichend angeführten Prozessbereiche, verlangen auf Grund der Auswirkungen auf das ganze Geschäft eine gewisse Gradlinigkeit und lassen Schnellschüsse nur eingeschränkt zu.

plasticker: Das bedeutet, BaHsys ist flexibler als ein Fertigungsbetrieb?

Frank Barlog: Stop, stop! Ich bin davon überzeugt, dass jeder heute erfolgreich am Markt platzierte Fertigungsbetrieb flexibel auf die Wünsche seiner Kunden reagieren muss und dies auch tut. Andernfalls würde er ganz schnell seine Daseinsberechtigung verlieren. Das was wir hier diskutieren, hat etwas mit dem Thema Geschäftsmodell zu tun. Haben Sie schon mal ein Containerschiff oder Öltanker gesehen, dass sich an einer Segelregatta in der Kieler Förde beteiligt hat?

plasticker: Aha, Protosys, das Schnellboot …?

Frank Barlog: Da kommen wir der Sache sogar schon sprichwörtlich näher. Der Geschäftsbereich Protosys ist das besagte Schnellboot als Rapid Tooler. Alles was sonst noch benötigt wird, beschafft man sich in den übrigen Geschäftsbereichen von BaHsys und dem Schwesterunternehmen BARLOG plastics. Sollten die Kollegen einmal nicht schnell genug reagieren können, greifen diese wiederum automatisch in ihrem Kompetenznetzwerk auf externe Kapazitäten bewährter Partner zurück. Es bleibt nicht aus, dass da manchmal eine ganze Lawine ins Rollen kommt. Und auch die muss beherrscht werden, damit das erfolgreich ausgeht.

plasticker: Die Besonderheit von Protosys ist also eine umfassende Kapazitäts- und Kompetenzvernetzung?

Frank Barlog: Ja, das ist eines unserer Alleinstellungsmerkmale. Allerdings wird das unseren Rapid Toolern nicht ganz gerecht. Ca.80 % der Geschäftsvorfälle beziehen sich nämlich ausschließlich auf das schnelle Herstellen von Vorserienteilen bis maximal 1.000 Stück. O.K. - hier hilft natürlich am Platz das schier unerschöpfliche Rohstofflager von BARLOG plastics mit allem was verlangt wird, vom PP bis PEEK. Unsere Rohstoffbeschaffungszeit liegt seit 1 Jahr dadurch bei durchschnittlich einem halben Tag.

plasticker: Zusammenfassend kann also gesagt werden, Protosys bedient sich einer Kompetenz- und Kapazitätsvernetzung, was zu umfassender Verfügbarkeit von Ingenieur-Fachwissen, Erfahrung, ausgeprägten Erfahrungen von Kunststoff-Fachleuten, Simulationsleistungen, peripheren Technologien, Laborkapazitäten und Rohstoffen führt?

Frank Barlog: ... und das in der Regel taggleich!

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plasticker: Ja - aber nun zu Rapid Tooling. Was genau macht Protosys hier aus?

Frank Barlog: Das ist am einfachsten beschrieben, wenn ich das auf 5 Stufen im Ablauf eines Auftrages herunter breche.

Stufe 1 ist die Anfragebearbeitung. Der Kunde beschreibt uns den Auftrag, sendet 3D-CAD Daten des zu fertigenden Artikels. Diese Anfrage wird umgehend gesichtet, auf Plausibilität, Machbarkeit und groben Fehlern hinsichtlich kunststoffgerechter Konzeption geprüft und der Artikel kalkuliert. Dieser Prozess dauert, je nach Komplexität der Anfrage einen halben bis drei Arbeitstage, besonders, wenn es viel mit dem Kunden zu kommunizieren gibt.

Stufe 2 ist die Festlegung des Formenkonzeptes und die Konstruktion des Aluminium-Werkzeugeinsatzes zur Verwendung in unseren System-Stammwerkzeugen. Hier schließt sich direkt die Erstellung der CAM-Daten für unsere HSC-Fräsen an.

In Stufe 3 läuft der Fräs- und der Komplettierprozess an der Werkbank. Ab Beginn Stufe 3 läuft parallel das Eintakten der Rohstoffbereitstellung an der Spritzgussmaschine und der Spritzgussfertigung selbst für die Folgestufe 4.

Hier übernehmen qualifizierte Kunststofftechniker den Ball und schließen die Stufe 5 selbst mit den fallweise vereinbarten QS-Maßnahmen ab, verpacken den Auftrag und lösen über den Customerservice den Paketversand per DHL, UPS etc. aus. Wohlgemerkt! - wir sprechen hier in jedem Fall von der Herstellung von Bauteilen, die aus dem geplanten Serienwerkstoff im Spritzgussverfahren in der gleichen Technik hergestellt werden, wie später in der Serie. Die Bauteile haben optisch, thermisch, physikalisch wie mechanisch Serienqualität! Im ersten Run handelt es sich immer um 20 fertige Bauteile.

plasticker: Lassen wir Stufe 1, d.h. die Anfrageprüfung, Klärung und Angebot mal außen vor. Wie lange dauert es von Stufe 2 bis 5?

Frank Barlog: Das hängt von der Komplexität der gefragten Teile ab. Einfache, sogenannte "Auf/Zu"-Geometrien sollen innerhalb fünf Arbeitstagen beim Kunden sein. Sehr komplizierte Bauteile mit hohen Anforderungen an die Präzision benötigen bis zu 3 Wochen. Komplette Montagebaugruppen haben bisher bei uns nicht länger als 6 Wochen gedauert. Ich will aber an dieser Stelle nicht verschweigen, dass wir das aktuell nicht ganz packen. Unsere Kunden lösen derzeit eine Auftragsflut aus, wie wir sie in der Zeit seit unserer Gründung vor knapp 3 Jahren so nicht erlebt haben.

plasticker: Wie erklären Sie sich diese Situation, Herr Barlog? Ist das ein Zeichen dafür, dass es konjunkturell wieder aufwärts geht?

Frank Barlog: Aufwärts geht`s sicher; aber wir sehen das differenziert und ein wenig zurückhaltend. Würden wir nur extrapolieren, müssten wir sofort im Bereich Werkzeugkonstruktion und Werkzeugbau das Personal verdoppeln und die Maschinenkapazität gestern um mindestens eine HSC-Fräse erhöhen, sowie im Spritzguss den bisherigen Betrieb um eine Schicht aufstocken. Wir lösen das zunächst mit der Hilfe der Flexibilität unserer hervorragend motivierten Mitarbeiter über Zeitkonten und hoffen, dass deren Belastbarkeit so lange durchhält, wie wir benötigen, um abgesicherte Aufstockungsmaßnahmen umzusetzen. Ich setze darauf, dass niemand den umgekehrten Fall in der jüngsten Vergangenheit so schnell vergisst. Bewerbergespräche laufen bereits.

plasticker: Ist das also nur ein Strohfeuer?

Frank Barlog: Das sehe ich nicht so. Die Wirtschaft erholt sich deutlich und schneller, als von vielen erwartet und wir haben aus mehreren Gründen darauf zu reagieren. Es gab einen Stau bei vielen Neuentwicklungen. Die Einführung neuer Produkte wurde wegen großflächiger Investitionsstops verschoben. Nun versucht jeder mit seiner eingefrorenen Entwicklung als erster am Markt zu sein. Time to Market ist immer wichtig; aktuell, aus diesem Stau heraus, bekommt das eine ganz besondere Bedeutung. Würden wir von Protosys hier nicht schnell genug reagieren, wäre das auch für uns nachhaltig schädigend. Hinzu kommt, dass sich viele Unternehmen nur langsam erholen und bei gebotenem Zeitdruck sich die Vorsicht durchsetzt. Vorsicht, um Fehler zu vermeiden, die schnell und deutlich in`s Geld gehen. Rapid Tooling "made by protosys" bedeutet eine geringe Investition, die sicherstellt, dass neue Bauteile auch wirklich ihren Job machen. Voreiliger Invest in Serienformen kann zu fatalen Änderungskosten führen, für die heute kaum jemand noch ein Budget hat. Nicht zuletzt ist aber auch die Aufbruchstimmung für die derzeitig erfreuliche Situation mitverantwortlich. Investitionen in Innovationen wachsen proportional zum Abstand vom Tal der Tränen.

plasticker: Gibt es außer diesen kurz- und mittelfristig positiven Aussichten noch weitere Perspektiven für das Rapid Tooling?

Frank Barlog: Für die diversen Methoden des Rapid Prototyping sehe ich in der Zukunft enorme Wachstumschancen. Allein die inzwischen deutlich sinkenden Kosten für verschieden Methoden, werden den Anwender- und Nutzerkreis nachhaltig verändern. Rapid Tooling ist jedoch etwas anderes und weit mehr als Rapid Prototyping. Ich sehe deshalb Rapid Tooling zukünftig auch nicht im Wettbewerb der angebotenen Prototypentechniken. Rapid Tooling heißt für uns heute und morgen Rapid Manufacturing. Massenprodukte werden durch ihre Herstellung in Asien und anderen Billiglohnregionen der Welt zur Auslastung der europäischen Kapazitäten zukünftig nicht mehr zur Verfügung stehen. Das, was uns der Markt diesbezüglich aktuell zeigt, halte ich nur für ein müdes Vorgeplänkel. Wir erwarten zukünftig, dass unsere Stärken noch mehr gefordert sein werden. Preiswerte, funktionstüchtige Bauteile, hergestellt im Rapid Tooling Verfahren müssen unseren innovativen Entwicklern sehr schnell für praxisechte Tests zur Verfügung stehen. Sie müssen zukünftig noch schneller als heute die Funktionstüchtigkeit beweisen und sie müssen in der Lage sein, bis zum Serienstart aus chinesischer Produktion, die Markteinführung zu bedienen. Andererseits verlangt der Trend zum Bedarf für individualisierte Produkte oder Produkte, die sich von der Masse abheben sollen und für spezielle Käuferschichten entwickelt werden, die Fähigkeit, Kleinserien schnell und preiswert darzustellen.

plasticker: Können Sie hierfür zum besseren Verständnis ein Beispiel nennen?

Frank Barlog: Nehmen Sie den enorm wachsenden Markt Healthcare, den ich lieber mit Gesundheitstechnik bezeichnen möchte. Das ist ein besonderes Kapitel, das sich uns auftut. Bei unseren bevorstehenden Erweiterungsmaßnahmen, werden wir übrigens diesem Thema einen hohen Stellenwert zuordnen. Hierzu nur eines: Wenn die Statistiker Recht behalten, soll im Jahr 2060 der Anteil der über 60jährigen Menschen nicht nur in Deutschland bei über 65% liegen. Spannend, sich das vorzustellen. Noch spannender ist für mich die Frage, was dieser veränderte Markt an Herausforderungen, Anforderungen, Aufgabenstellungen und Chancen bietet.

plasticker: Herr Barlog, hier tut sich wirklich ein neues Kapitel auf. Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen: www.bahsys.de

Dateianhang zur Meldung:
Prozessdarstellung "Rapid Tooling" (pdf, 367 kB)

BaHsys GmbH & Co. KG, Engelskirchen

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