Geschichte des Kunststoffs

Biografien von Pionieren der Kunststofftechnik

Carl Heinrich Meyer

* 1863
† 1945 in Luzern, Schweiz

Carl Heinrich Meyer war der Erfinder des synthetischen Schellackes. Aus diesem in der Natur vorkommendem Ausscheidungsprodukt der Schildlaus wurden Möbelpolituren, die ersten Grammophonplatten und Lacke hergestellt.


"Carl Heinrich Meyer - Arbeitsentlastung für die Schildlaus"

(Quelle: "Portraits in Plastik – Pioniere des polymeren Zeitalters", 1998, Siegfried Heimlich, Frankfurt am Main - mit sehr freundlicher Genehmigung des Autors)

Möbelpolituren, die ersten Grammophonplatten und Lacke natürlich wurden und werden noch heute daraus hergestellt: aus Schellack, einem Ausscheidungsprodukt der Schildlaus. Ende des vorigen, Anfang dieses Jahrhunderts wurde das von den Läusen produzierte Naturharz immer knapper und teurer. Die Elektrizität hielt Einzug, ihre segensreichen Vorteile wurden zunehmend in Anspruch genommen. Aus Schellack ließ sich eine dünne Isolationsschicht für elektrische Geräte herstellen. Die noch so fleißigen Läuse in Asien schafften es einfach nicht, mit ihrem Output den plötzlichen Bedarf auch nur annähernd abzudecken. Die Preise für den Rohstoff katapultierten in astronomische Höhen. Heerscharen von Profi- und Laien-Chemikern werkelten in ihren Labors mit Feuereifer vor sich hin, um einen Ersatz für diesen "Schweiß der Läuse" zu finden: ungleich preiswerter, unbeschränkt verfügbar und mit möglichst besseren Eigenschaften. Einer von ihnen war der Chemiker Carl Heinrich Meyer, der dann mit seinem patentierten "Laccain" den Läusen die heiß ersehnte Arbeitsentlastung bescherte. Daß seine Kreation am Ende nur ein unzulängliches Surrogat war, stellte sich erst nach geraumer Zeit heraus, ließ aber den synthetischen Schellack und auch seinen Erfinder schnell in Vergessenheit geraten.

Manchmal in diesen kalten, vom Schneewind durchwehten Tagen am Vierwaldstättersee erinnerte sich Carl Heinrich Meyer an seine Zeit auf Sumatra, an seine vergeblichen Versuche, dort auf der zweitgrößten der Großen Sundainseln Geschäfte zu machen. Er dachte an dieses alte Haus mit seinen hohen Räumen, in dem er für eine Weile gelebt hatte, an die von der Meerbrise gebauschten Vorhänge vor den immer offenen Fenstern. Man konnte das Meer hören, das gleichmäßige Rollen der Brandung an dem felsigen Ufer. Ihm fielen die Nächte ein, in denen er vor Hitze nicht schlafen konnte.

Und dann die Regenzeit, wenn ganze Ozeane vom Himmel herab stürzten. Alles dampfte, wurde zu Nebel; fettig glänzten die wie Balldachine breiten Blätter der Bananenstauden unterhalb seiner Terrasse. Die Straßen wurden zu reißenden Bächen. Auch der Monsun mit seinen tropischen Sintfluten brachte jedoch kaum eine Abkühlung. Eigentlich, so fiel ihm jetzt ein, war es ihm dort am anderen Ende der Welt immer zu heiß. Viel zu heiß auch, um irgendwelchen Geschäften nachzugehen.

Aber jetzt, in dieser sternklaren Nacht am Anfang der 40er Jahre in der Schweiz, im klirrenden Januarfrost sehnte er sich nach den seidenweichen Abenden Indonesiens. Wie er dort unter dem Kreuz des Südens, halbnackt in einer Hängematte im Mondlicht gebadet und auf den Schlaf gewartet hatte, während der süße Geruch der wilden Orchideen herüberwehte. Jetzt, schon fast am Ende seines Lebens, hätte Meyer nicht einmal das Geld übrig gehabt, um in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens wenigstens noch die Illusion der Javasee zu haben.

Noch bevor mit der japanischen Invasion während des 2. Weltkriegs erst einmal der Spuk der holländischen Kolonialzeit auf den indonesischen Inseln vorüber war, setzte sich Meyer in die Schweiz nach Luzern ab. Seine letzten Jahre lebte er nach den vergeblichen Geschäftsversuchen auf der damals noch niederländischen Sundainsel Sumatra in der neutralen Alpenrepublik, während ringsherum Europa in den Trümmern des von Hitler angezettelten totalen Kriegs versank. Nur ein karger Ehrensold vier deutscher Kunstharzfabriken - so die Überlieferung - rettete ihn vor dem Verhungern. 1945, am Ende des 2. Weltkriegs, starb Carl Heinrich Meyer einsam und weithin vergessen in Luzern.

Dabei hatte die Karriere des Chemikers Carl Heinrich Meyer, der 1873 geboren wurde, durchaus vielversprechend begonnen. Wie so viele seiner Kollegen zur damaligen Zeit war auch Meyer fasziniert von den schier unbeschränkten Möglichkeiten, die sich mit den neuen Materialien aus den Zutaten Phenol und Formaldehyd eröffneten. Die schienen ihm schon deshalb die Werkstoffe erster Wahl, weil sie nahezu grenzenlos zur Verfügung standen. Aus Kohle ließ sich massenhaft Phenol gewinnen, aus Holz die zweite Komponente Formaldehyd. Die Schwierigkeit allerdings bestand darin, die bei den Aspiranten zu einer harmonischen Gemeinsamkeit zu bewegen. Das hatten vor ihm schließlich schon andere versucht.

Adolf von Baeyer (1835-1917) hatte bereits Ende des letzten Jahrhunderts beschrieben, wie sich aus den Ingredienzien Phenol, das beispielsweise aus dem Kohlederivat Teer gewonnen wird, und Formaldehyd, einem in bestimmten Verbindungen löslichen Gas, ein künstliches Harz herstellen läßt. Nur hatte Baeyer die Sache dann nicht weiter verfolgt. Ihm war das Zeug, was er da zusammenbraute, zu klebrig. Außerdem sah es auch nicht sonderlich appetitlich aus, so daß sich Baeyer für seine Entdeckung keinen praktischen Nutzwert versprach.

Der Ritter von Baeyer konzentrierte seinen Forschungsdrang dann lieber auf die synthetischen Farben. Er war am Ende maßgeblich daran beteiligt, daß sich die Nietenhosen eines gewissen Mr. Levis Strauss, legendäre Vorläufer der heutigen Blue Jeans, so preiswert in ihrem typischen Blau einfärben ließen. Denn 1883 entdeckte der gelernte Chemiker und Professor für Organische Chemie an der Universität München das blaue Indigo. Das wurde dann von der BASF in Ludwigshafen zur industriellen Marktreife weiterentwickelt und kam im Juli 1897 vor genau einem Jahrhundert auf den Markt.

Ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts, als es zwar schon solche Stoffe wie "Celluloid" und noch ein bißchen früher "Parkesin" gab, aber weder den Begriff Kunststoff noch eine blasse Ahnung von den molekularen Strukturen der Polymere, da experimentierte Leo Hendrik Baekeland (1863-1944) ebenfalls mit diesen Hoffnungsträgern der noch jungen elektrischen Disziplin. Er fand dann den richtigen Weg zur technischen Auswertung der Phenolharze, wie sie bereits 1872 von Adolf von Baeyer beschrieben wurden, ließ sich sein Ergebnis 1907 als "Bakelit" patentieren und ging in die Geschichte als "Vater der Kunststoffe" ein. Was natürlich übertrieben ist, weil der Kunststoff eben viele Väter hat; übrigens kaum Mütter. Aber er ist ja auch nicht unbedingt das Produkt einer biologischen Monogenese, obwohl es zumindest inzwischen biologisch determinierte Kunststoffe als eine neue Werkstoffklasse gibt.

Davon konnte ein L. H. Baekeland zu jener Zeit vor knapp einem Jahrhundert noch nichts wissen. Aber er wußte, daß sich vor ihm schon einige Leute mit der Reaktion des Phenol mit dem Formaldehyd beschäftigt hatten. Er hatte bei seinen Arbeiten die greifbare Literatur durchforstet und war auch auf die Beschreibung des "Laccain" gestoßen. Diese, als vollwertiger Ersatz für Schellack propagierte Kreation aus der Retorte, basierte gleichfalls auf Phenol und Formaldehyd und kann heute mit einigem guten Willen als das vielleicht erste vollsynthetische Produkt in der historischen Chronologie der Kunststoffe angesehen werden. Unmittelbar verbunden mit diesem Prototypen des polymeren Zeitalters ist der Name Carl Heinrich Meyer, der heute in kaum einem einschlägigen Lexikon zu finden ist, getilgt selbst aus den aktuellen Kompendien der Chemie, vergessen im Laufe der vielen Jahrzehnte, die mit immer neuen Sensationen, Erfindungen, mit Kriegen, Katastrophen und völlig neuen Kunststoffen aufwarteten.

Viel ist über diesen Carl Heinrich Meyer denn auch nicht mehr zu erfahren. In einer Firmenschrift der Hoechst AG, Frankfurt, die 1982 erschienen ist und in der es konkret um ,,80 Jahre Kunstharze - fast vergessene Erfinder" geht, wird immerhin sein Name erwähnt. Wir erfahren auch, daß er in den Jahren 1892 bis 1897 in Leipzig studierte. Genau zur Jahrtausendwende, im Jahre 1900, trat er in die Chemische Fabrik Louis Blumer, Zwickau, ein. Er beschäftigte sich dort mit der Weiterentwicklung der Phenolharze, vor denen sein inzwischen berühmter Kollege Adolf von Baeyer kapitulierte. Meyer gelang es, ein harzartiges, in Wasser lösliches Produkt herzustellen, das als Ersatz für Schellack gedacht war.

Nach nur zweijähriger Tätigkeit Meyers bei Blumer meldet die sächsische Chemiefabrik ein Patent aufgrund seiner Arbeiten an. Am 18. April 1902 wird dieses "Verfahren zur Herstellung eines dem Schellack ähnlichen Kondensationsproduktes aus Phenol und Formaldehyd" patentiert. Großer Jubel bei Louis Blumer in Zwickau. Das ostdeutsche Unternehmen rührt denn auch umgehend in Zeitungsannoncen für seine "hervorragende Erfindung", einem "rein synthetischen Schellack-Ersatz", kräftig die Werbetrommel. Nur der eigentliche Erfinder des Schildlaus-Surrogats wird weder in der Anzeige noch im Patent erwähnt.

"Laccain", wie die Ergänzung der Blumer'schen Produktpalette getauft wird, verdankt - so schreibt Willy Selmayr, Bad Mergentheim, in einer Abhandlung über "Duroplaste" - seine Entstehung der Tatsache, daß um die Jahrhundertwende der natürlich gewonnene Schellack so teuflisch teuer geworden war, daß man intensiv nach einem Ersatz für dieses in die Preise geschossene Zeug suchte. Es wurden in jenen Jahren nicht nur Schallplatten daraus hergestellt, sondern u.a. auch - wie der aus dem Holländischen stammende Name schon andeutet - spezielle Lacke und eine bei Handwerk und Hausfrauen beliebte Möbelpolitur. Der gewählte Name "Laccain" sei übrigens auf die lateinische Bezeichnung "coccus lacca" der Schildlaus zurückzuführen. Deren Stich - so Selmayr - in die Blätter bestimmter ostindischer Bäume führe zur Bildung eines harzartigen Ausscheidungsprodukts.

Das stimmt so nicht ganz, wie "Laccain"-Erfinder C. H. Meyer im Laufe seiner Arbeiten sorgfältig recherchierte. Schellack ist vielmehr das Stoffwechselprodukt der Lackschildlaus, kenia lacca, früher auch laccifera oder tschardia lacca genannt, wie sie auf mehreren harz reichen Baumarten in Indien, Burma und Thailand beheimatet ist. Die Insekten scheiden durch ihre gesamte Körperoberfläche Schellack ab. Sie schwitzen es förmlich aus. Schließlich sind die Zweige, auf denen die Läuse leben, mit einer 3 bis 10 Millimeter dicken Schicht des begehrten Produkts bedeckt. Mit der anhaftenden Lackschicht werden die Zweige abgerupft und eingesammelt. Zweimal pro Jahr ist "Ernte".

Dieser sogenannte Stocklack wird dann ziemlich mühsam von den Zweigen entfernt. Er wird zerkleinert und gilt in dieser Form als Körnerlack. In der Regel wird er danach durch das Waschen mit Wasser oder verdünnten Alkalien von seinen Farbstoffen befreit. Aus diesem Körner- oder auch Stocklack gewinnt man durch Zerkleinern und durch Herauslösen des roten Farbstoffs, durch Trocknen und Ausschmelzen des Harzes den eigentlichen Schellack Und - so hatte Meyer in Erfahrung gebracht - je nach Sorte und abhängig von der Herkunft schwanken die Eigenschaften des erhaltenen Endprodukts erheblich.

Eingesetzt wird der den Schildläusen so mühselig abgerungene Schellack z.T. noch heute in unterschiedlichsten Formen und Bereichen. Er dient in alkoholischen Lösungen als Politur für Möbel, als Spritz- und Elektro-Isolierlack Firnisse, Tuschen, Porzellan- und Steinkitt werden daraus gefertigt. In der Hutmacherei wird er als Steife benutzt. Er wurde - und das ist Vergangenheit - als Siegellack und zum Pressen von Grammophonplatten verbraucht. Aber er ist ebenfalls im Haarspray und im Flexodruck zu finden, Citrusfrüchte, Äpfel und Zuckerwaren werden damit überzogen; in der Pharmazie auch Tabletten, die gegen Magensäure resistent sein sollen, Selbst zur Herstellung von Kaugummi wird auf das "Schwitzwasser" indischer Schildläuse zurückgegriffen.
In dem halben Jahrhundert von 1910 bis 1960 stieg der Verbrauch des natürlichen Schellack kontinuierlich. Er hatte sich in diesem Zeitraum auf 50 000 Tonnen glatt versechsfacht. Heute ist der Konsum rückläufig. Es werden schätzungsweise 10000 Tonnen pro Jahr gewonnen. Die Schildlaus muß sich nicht mehr so schinden. Auch deshalb nicht, weil in der Zwischenzeit funktionierende Ersatzlösungen gefunden wurden. Weil heute keine Schallplatte mehr aus Schellack gepreßt, keine Spule damit isoliert und keine Frisur mittels Schellack-Sprühung auf wetterfest getrimmt wird.

Damals jedoch, am Anfang unseres Jahrhunderts und zur Zeit des von Herrn Meyer erfundenen "Laccain" war das Stoffwechselprodukt der asiatischen Krabbeltiere noch heiß begehrt, Und - so weiß Udo Tschimmel in seiner "Geschichte der Kunststoffe" zu berichten - deshalb verkaufte sich der künstliche Schellack aus dem Sachsenland anfangs auch recht ordentlich. Bald jedoch zeigte sich ein gravierender Nachteil der Alternative aus Zwickau. Als Möbelpolitur stank die Tinktur wie ein ganzes Großklinikum nach Carbol. Außerdem dunkelte das Zeug nach, so daß selbst brandneue Kommoden und anderes Mobilar innerhalb kürzester Zeit zu Antiquitäten eines längst vergangenen Jahrhunderts mutierten. Die erst begeisterten Hausfrauen stellten außerdem rasch fest, daß sich der liquide Harz aus dem Haus Blumer nicht mit dem in jenen Jahren viel verwendeten Salmiakreiniger vertrug, Braune, unansehnliche Flecken verdüsterten die erste Euphorie.

Die Firma Blumer und ihr Star-Chemiker Meyer taten zwar ihr Mögliches, diese Minuspunkte auszumerzen, doch all ihr Mühen war vergeblich - so wissen wir heute, "Laccain", der erst so hochgejubelte Schellack-Ersatz konnte seinem Konkurrenten aus fernöstlicher Schildlausproduktion nicht das Wasser reichen. Nur kurz war die Arbeitsentlastung der auf den Bäumen lebenden Parasiten. Dann mußten sie wieder hart ran. In den Regalen der Kolonialwarenhandlungen verstaubten inzwischen die Dosen mit "Laccain", wurden irgendwann ausgemustert - wie der Name des Carl Heinrich Meyer aus der Fachliteratur.



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