Fachartikel vom 20.11.2006

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Ganzheitliche und serviceorientierte Herausforderungen für den deutschen Werkzeugbau

Guido Radig, ProCom



Guido Radig, ProCom/Bergkirchen, führte ein Praxisgespräch mit Anton Schweiger (Bild rechts), Vizepräsident des Verbandes Deutscher Werkzeug- und Formenbauer (VDWF, Schwendi) und Geschäftsführer der Erich Schweiger GmbH & Co. KG in Uffing:

Guido Radig: Herr Schweiger, der deutsche Werkzeugbau hat sich großen Veränderungen des Marktes und einer fortscheitenden Globalisierung zu stellen. Wie bekommt ihm dies?

Anton Schweiger: Seit 2000 sind die Veränderungen in der Tat tief greifend. Preisdruck im Inland, immer kürzere Entwicklungsspielräume und Zunahme des internationalen Wettbewerbs. Auch die Stabilität der Kundenbeziehung hat gelitten.


Guido Radig: …. und die Stahlpreise schlagen sich, als Verknappung des Angebots auf den Weltmärkten, zusätzlich nieder …?

Anton Schweiger: Ja, dass kommt noch dazu. Seit der Jahrtausendwende stieg der Preis für Werkzeugstähle um ca. 50 - 60 % an. Je nach Werkzeug wirkt sich dies auf die Kalkulation natürlich aus - der Stahlanteil in einer Kalkulation bewegt sich bei etwa 5 bis 15 % - je nach Geometrie oder Anwendung. Diesen Effekt müssen wir intern voll ausgleichen - das zahlt uns kein Kunde.


Guido Radig: Der Markt verhält sich also - sagen wir mal - sehr robust Ihnen gegenüber. Wie halten sie dagegen?

Anton Schweiger: An diesen Fakten kommen wir also nicht vorbei. Durch Rationalisierung konnte der Werkzeugbau seine Preise im gleichen Betrachtungszeitraum, also über die letzten 5-6 Jahre, um ca. 30 % senken. Aber auch im globalen Wettbewerb konnten wir uns behaupten: Wenn ein Einkäufer einen rechnerischen Preisvorteil von rund 50 % für Werkzeuge aus China vorrechnet, dann ist das eine typische "Obstgeschichte" - eine Geschichte von Äpfeln und Birnen. Wir haben es möglicherweise mit anderen Stählen zu tun, es sind eventuell ganz andere Konstruktionskonzepte, was sich in einer spritzgießgerechten Form oder eben nicht niederschlägt und in der Serviceleistung gegenüber dem Kunden im Binnenmarkt haben wir noch einiges zu bieten. Der reale Preisvorteil liegt zum Schluss nur bei 10 - 15 % würde ich schätzen.


Guido Radig: … was sind die Argumente, die Sie dieser Lücke von 10 - 15 % entgegen halten?

Anton Schweiger: Werkzeuge verkaufen sich nicht nach Gewicht und Preis. Da zählt die Entwicklungsleistung bis zur spritzgießgerechten Form. Es zählt die Erfahrung für das Verfahren und die dazu notwendige Beratung der Verarbeiter. Flexibilität und Geschwindigkeit in der Entwicklung sind auch unsere Stärken - lagen die Entwicklungszeiten früher bei rund 20 Wochen, so sind wir durch verbesserte Technik und CAD-Tools heute in der Lage, vergleichbare Werkzeuge in 15 - 16 Wochen oder in extremen Fällen noch schneller abzumustern. Bei frühzeitiger Projekteinbindung können wir auch kalkulatorisch helfen - können Einfluss nehmen auf Toleranzen und Mold-Flow-Berechnungen - auf das, was unbedingt notwendig ist, und nicht das, was nicht viel bringt - später am Teil. Auch darin liegen Optionen zur Kostensenkung. Das technische Potential ist da. Wir müssen es gemeinsam nutzen …


Guido Radig: … und den Einkäufer interessieren doch nur Preise am Ende?

Anton Schweiger: Die Erfahrungen der Vergangenheit lassen eine gewisse Umkehr vermuten. Es wird zunehmend auch möglich, technisch zu argumentieren. Mittlerweile haben die deutschen Verarbeiter Prozesserfahrung mit Werkzeugen aus dem Ausland - sagen wir besser noch, mit Werkzeugen aus Übersee. Die Beschaffungskosten waren zwar günstiger, aber nun treten oft höhere Betriebskosten, Nachbesserungen, Verfügbarkeitsausfälle etc ein. Es liegt auf der Hand nicht nur den Beschaffungspreis aus Sicht des Einkäufers zu sehen, sondern auch die Kosten für den Betrieb …. also Qualitäts- und Ausfallkosten etwa. Die Betrachtung muss ganzheitlicher und differenzierter ausfallen- nur dann ist es ökonomisch seriös.


Guido Radig: Was darf ein Kunde konkret bei einem deutschen Werkzeugbauer an Mehrwert erwarten?

Anton Schweiger: Im Grunde ist es eine Mischung aus technischer Kompetenz und langwelligem Vertrauen. Das gilt von der Konstruktion bis zur Nullserie: Eine Rundumbetreuung über den gesamten Lebenszyklus des Werkzeuges. Unsere Dienstleistung zielt nicht auf nackte Werkzeuge ab. Dumping kann nicht das Ziel sein, wenn wir es mit der modernsten Technik zu tun haben wollen. Wir wollen dem Kunden Prozesssicherheit und Verfügbarkeit gewährleisten. Er sollte versuchen am Produkt das Geld verdienen, und nicht primär an den Werkzeugkosten. Bei den geforderten Toleranzen und den Stückzahlen der Industrie ist das der logischste Weg. Wenn wir "frühzeitig ins Boot geholt werden" klappt diese Argumentation - und alle Seiten profitieren davon.


Guido Radig: Wie profitieren Sie denn?

Anton Schweiger: Auch der Werkzeugbau braucht Wertschöpfung. Der Lopez-Effekt funktioniert doch nur auf kurze Sicht. Wir sprachen schon über Werkzeuge aus Übersee … Nein, ich denke, um am Standort Deutschland und im Export schlagkräftig zu bleiben, brauchen wir Investitionen: Investitionen in Bearbeitung, in Konstruktion, in neue Konzepte für Sonderverfahren und in Menschen ….


Guido Radig: Stichwort Menschen. Wie steht es um deren Leistungsniveau und der Aus- und Weiterbildung?

Anton Schweiger: Deutsche Werkzeugbauer haben einen guten Ruf. Punkt. Sie sind auch relativ gut bezahlt, verglichen mit anderen Metallberufen. Aber das soll auch so sein, denn es wird auch viel verlangt. Mir liegt auch die gewerbliche Ausbildung am Herzen. An den Berufschulen wird noch zu wenig auf neue Technik abgezielt - es fehlt oft an der technischen Grundausstattung und die Lehrpläne sind auf dem Stand der Vergangenheit. Da gibt es, wie überhaupt zum Thema Bildung in diesem Land, noch viel aufzuholen aufgrund der Versäumnisse und einer sich beschleunigenden technischen Entwicklung. Auch berufsbegleitend fehlt es noch an Initiativen: Wo kann ich einen guten Werkzeugmacher praxisgerecht zum Konstrukteur ausbilden? Das muss das Unternehmen heute ganz alleine leisten. Wir sind aus diesen Gründen gehalten, uns sehr genau mit der Ausbildung zu beschäftigen. In unserem Betrieb sind derzeit rund 60 Mitarbeiter beschäftigt - davon sind etwa 8 bis 11 Personen Auszubildende - auf 3 ½ Lehrjahre verteilt. Als mittelständiges Handwerk tragen wir die Hauptlast der betrieblichen Ausbildung und Qualifizierung in Deutschland - aus Überzeugung und aus Notwendigkeit.


Guido Radig: Kommen wir zur Technik zurück. Gibt es nach CAD- und HSC-Technologie noch einen besonderen Treiber der Entwicklung im Werkzeugbau?

Anton Schweiger: Nein, nicht wirklich. Es sind derzeit mehr kleine Schritte. Das Wissen für Sonderverfahren hat zugenommen und sich in den Konstruktionen niedergeschlagen. Auch die Heißkanaltechnik führt zu positiven Effekten. Natürlich werden auch die Fertigungsverfahren, wie z. B. HSC-Fräsen, etc. noch weiter verbessert. Insgesamt konzentrieren wir uns heute auf eine Aufrüstung von Intelligenz im Werkzeug - Stichwort Werkzeugsensorik zum Beispiel - zur Verbesserung der Wertschöpfung - bei unseren Kunden und uns.




Guido Radig: Wie begleitet der VDWF diese Entwicklung?

Anton Schweiger: Der VDWF ist ein kleiner, aber sehr geschlossener Verband. Und er ist wegen seiner Mitglieder durch und durch mittelständisch geprägt. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Mir persönlich liegt hier der Netzwerkgedanke am Herzen: Wenn der Wettbewerbsdruck zunimmt, muss ein Verband seine Mitglieder zusammen schweißen. Preisdumping kann wie gesagt keine Antwort sein. Dann gibt es nur Verlierer. Der Netzwerkgedanke wird aktuell mit Anzeigen des VDWF begleitet. Ziel ist es, Kapazitäten, die ich nicht bereitstellen kann, sei es unter terminlichen oder unter Auslastungsgesichtspunkten, an einen anderen Werkzeugbauer weiterzugeben. Im umgekehrten Falle kommt der Kollege auf uns zu. Unter diesen Gesichtspunkten kann der Verband ein sehr wertvolles Instrument sein eine leistungsfähige Gemeinschaft zu nutzen.


Guido Radig: Welchen Ausblick würden Sie sehen für die Branche?

Anton Schweiger: Potenziale sind vorhanden. Und wie immer müssen wir uns dem Wettbewerb stellen. Unsere Leistung gibt uns aber auch das Recht selbstbewusst in die Zukunft zu schauen, wenn es uns gelingt, weiter Treiber der Entwicklung zu sein und einen gewissen Vorsprung zu halten. Daran arbeiten wir.


Guido Radig: Herr Schweiger, danke für das Gespräch.






Kurzportrait VDWF

Der Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer e.V. wurde von engagierten, voraus denkenden Unternehmen der Branche im November 1992 gegründet und besteht als rechtskräftiger Verein seit Februar 1993. Anlass der Gründung war die Überzeugung, dass eine große Zahl von Aufgaben von den mehrheitlich kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht mehr alleine, wohl aber gemeinsam bewältigt werden kann. Der VDWF hat derzeit rund 90 Mitglieder, wovon etwa 50 Betriebe reine Formenbauer sind.

Verbandsziele:

Neben den operativen Zielen wird die Arbeit des Verbandes von strategischen Zielen bestimmt, die von den Mitgliedern gemeinsam getragen und mit Leben erfüllt werden. Hierfür bietet der VDWF seinen Mitgliedern in vielen Bereichen praktische Unterstützung:

  • Management & Unternehmensführung
  • Umwelt und Entsorgung
  • EFQM, Qualitätsmanagement, Zertifizierungsstelle der Branche
  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Export und Märkte der Zukunft
  • Marketing und gemeinsame Messen
  • Nachwuchsförderung, Aus- und Weiterbildung
  • Schaffung praxisgerechter Berufsbilder
  • Interessenvertretung
  • Günstige Einkaufsgemeinschaften
  • Weiterleitung von Anfragen nach Werkzeugen und Formen
  • Verbundprojekte (national und international)
Darüber hinaus gibt es zusätzliche Dienstleistungen:
  • Schiedsgericht
  • Last-Minute-Börse für Bearbeitungskapazitäten
  • Erstellung des Internetauftritts für Mitgliedsunternehmen nach dem "VDWF-Standard"
  • Rechtsberatung im Vertragsrecht und Arbeitsrecht durch VDWF-Anwälte
  • Zertifizierung des QM-Systems.


Kurzportrait Schweiger Formenbau

Schweiger Formenbau ist VDWF-Verbandsmitglied und ein mittelständiger Werkzeugbauer mit rund 60 Mitarbeitern (Umsatz 2005: 5,8 Mio. EUR). Der 1962 gegründete Betrieb wurde 2004 Sieger des HSM-Awards für beste Oberflächenqualität, höchste Genauigkeit und schnellste Fertigungszeit eines eingereichten Werkstückes. Das Unternehmen entwickelt und fertigt Werkzeugkonzepte für Thermoplaste, Duroplaste und Feuchtpolyestermassen mit einem Werkzeuggewicht von ca. 500 bis 18.000 kg. Im Rahmen seiner Dienstleistungen stehen den Kunden auch modernste Einfahrkapazitäten unter Serienbedingungen in Uffing zur Verfügung.



Kontakte:

Erich Schweiger GmbH & Co. KG
Werkzeug- und Formenbau
Geschäftsführung
Herr Anton Schweiger
Rigistrasse 6
D-82449 Uffing am Staffelsee

Tel.: +49 (0) 88 46 / 92 03-0
t.schweiger@schweiger-formenbau.de
www.schweiger-formenbau.de


VDWF - Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer e.V.
Gerberwiesen 3
D-88477 Schwendi
Telefon: +49 (0) 7353 / 9842299,
Fax: +49 (0) 7353 / 9842298
info@vdwf.de


Präsident: Prof. Dr.-Ing. Thomas Garbrecht
Geschäftsführer: Willi Schmid



Autor:
Guido Radig - 85232 Bergkirchen, Kirchbergstrasse 5 - Tel.: +49 (0) 172-4700312
ProCom - radig@procom61.de - www.procom61.de


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