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29.05.2026, 11:32 Uhr | Lesedauer: ca. 5 Minuten    

Recycario: Rezyklate als strategischer Preisdämpfer im volatilen Polyolefinmarkt

Viele Markenartikelhersteller orientieren sich bei der Bewertung flexibler Verpackungen vor allem an den Preisen für Verpackungsfolien. Diese wirken auf den ersten Blick vergleichsweise stabil: Die von Flexible Packaging Europe (FPE) gemeldeten LDPE-Substratpreise für Halbfabrikate verändern sich quartalsweise häufig nur im einstelligen Prozentbereich. Die dahinterliegenden Rohstoffmärkte zeigen jedoch ein deutlich dynamischeres Bild.

Eine Auswertung der Grafik „Europa: A-Plastics PackFlex (primary) & rLDPE Folie transparent“ verdeutlicht drei miteinander verbundene Marktebenen. Die Entwicklung der LDPE-Folie-Substratpreise zeigt die Preisbewegungen auf Ebene der Halbfabrikate. Der A-Plastixx PackFlex Index bildet einen Korb primärer Kunststoffgranulate ab, die für flexible Verpackungen eingesetzt werden, darunter PE-LD, PE-LLD, PE-HD, PP und PVC. Ergänzend zeigt Recycario die Entwicklung transparenter rLDPE-Folie auf Indexbasis Q4 2023 = 100. Entscheidend für die Analyse sind dabei nicht die absoluten Darstellungswerte, sondern die prozentualen Veränderungen von Quartal zu Quartal.

(Grafik: Recycario).
(Grafik: Recycario).

Im Jahr 2025 standen die Primärpreise für LDPE im Quartalstrend unter Druck. Ursache waren unter anderem günstige Importmengen, vor allem aus außereuropäischen Märkten. Anfang 2026 setzte jedoch eine deutliche Gegenbewegung ein. Geopolitische Spannungen im Nahen Osten, beschädigte Vorproduktinfrastruktur und Störungen in den Lieferketten führten zu sprunghaften Preissteigerungen bei Polyolefinen. FPE meldete für das erste Quartal 2026 gegenüber dem vierten Quartal 2025 Preissteigerungen von 12 Prozent bei HDPE-Substraten und 16 Prozent bei LDPE-Substraten. Diese Zuwächse lagen deutlich über den Preisbewegungen anderer Materialien im Substratmix flexibler Verpackungen, etwa beschichtetem Papier, Aluminiumfolien sowie PET-, BOPA- und BOPP-Folien.

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Die Bewegungsmuster der Substratpreise verlaufen weitgehend synchron zum Primärgranulat-Preisindex PackFlex. Dies zeigt, dass die Volatilität auf der Rohstoffebene direkt auf die Halbfabrikate durchschlägt. Für Verpackungshersteller und Markenartikler reicht es daher nicht aus, ausschließlich die Folienpreise zu beobachten. Wesentliche Marktimpulse entstehen bereits auf Granulatebene.

Zusätzliche Einordnung liefert die aktuelle Marktbewertung der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen. IK-Präsident Georg Pescher spricht von einer massiven Versorgungskrise bei primären Polyolefinen. Nach Angaben der IK sind bis zu 25 Prozent der primären Polyolefinmengen derzeit nicht oder nur deutlich verzögert verfügbar. Zugleich hätten sich fossilbasierte Polyolefine im zweiten Quartal 2026 gegenüber vorherigen Preisniveaus etwa verdoppelt. Auch Gas- und Naphthapreise seien teils stark gestiegen, die Transportkosten um rund 20 Prozent. Für Kunststoffverpackungshersteller mit Materialkostenanteilen von 40 bis 80 Prozent am Produktpreis können solche Preissprünge erhebliche Auswirkungen auf die Kalkulation haben.

Die IK verweist in diesem Zusammenhang auf die Ergebnisse einer Frühjahrsumfrage 2026 unter ihren Mitgliedsunternehmen und fordert politische Unterstützung, darunter einen runden Tisch sowie mögliche Überbrückungsinstrumente. Gleichzeitig betont Pescher die Bedeutung einer weiterentwickelten Kreislaufwirtschaft. Sie könne mittel- bis langfristig dazu beitragen, Rohstoffzugänge zu stabilisieren, Preisspitzen abzufedern und geopolitische Abhängigkeiten zu verringern.

Die von Recycario beobachtete Entwicklung von transparentem rLDPE zeigt demgegenüber ein gleichmäßigeres Preisbild. Auf Indexbasis Q4 2023 = 100 lag das Niveau im Frühjahr 2026 bei rund 113 Punkten. Die europäischen Monatsdurchschnittspreise für transparente rLDPE-Folie bewegten sich von Januar bis April 2026 zwischen 1.345 und 1.415 Euro je Tonne. Die korrespondierenden Ballenpreise für K40 stiegen im gleichen Zeitraum von 375 auf 390 Euro je Tonne.

Im März 2026 kam es zu einer kurzfristigen Belebung des Handels. Auf einem europäischen Online-Marktplatz wurden rund 4.000 Tonnen rLDPE umgesetzt, nach etwa 1.300 Tonnen im Januar und 1.500 Tonnen im Februar. Die Entwicklung deutet jedoch eher auf einen kurzfristigen, von Unsicherheit geprägten Nachfrageimpuls als auf einen bereits nachhaltigen Substitutionseffekt hin. Im April gingen die Volumina wieder auf rund 1.500 Tonnen zurück, in den ersten beiden feiertagsgeprägten Maiwochen auf etwa 500 Tonnen.

Liniendiagramm Regranulatpreise-Forecast Modell: „Recyclate price (relative)“: historischer Preisverlauf von rLDPE, schwarze Linie „Forecasts worst & best case scenario“ Prognoseberechnung, Baseline April 2026 – kumuliert bis Oktober +0,4 % im worst, +4,8 im best case, blaue Linien (Grafik: Recycario).
Liniendiagramm Regranulatpreise-Forecast Modell: „Recyclate price (relative)“: historischer Preisverlauf von rLDPE, schwarze Linie „Forecasts worst & best case scenario“ Prognoseberechnung, Baseline April 2026 – kumuliert bis Oktober +0,4 % im worst, +4,8 im best case, blaue Linien (Grafik: Recycario).

Auch die von Recycario eingesetzten Prognosemodelle für Regranulatpreise, entwickelt mit der prognostica GmbH, stützen die Einschätzung einer relativ stabileren Rezyklatpreisentwicklung. In einer Quartalsbetrachtung wurden absolute rLDPE-Preisniveaus auf Basis Q4 2024 = 100 in relative Preisverläufe überführt und ab Q2 2026 mit Forecast-Daten bis Q4 2026 fortgeschrieben. Die regionale Aufschlüsselung zeigt, dass rLDPE-Preise in Europa je nach Markt unterschiedliche Bewertungsmuster aufweisen. Gleichzeitig wird deutlich, dass der relative Preisanstieg bei Neuware im PackFlex-Virgin-Index bereits im zweiten Quartal 2026 über den plausiblen Preispfaden im Rezyklatsektor liegt.

(Grafik: Recycario).
(Grafik: Recycario).

Für Beschaffungsentscheider ergibt sich daraus eine strategische Konsequenz: Rezyklate können in volatilen Marktphasen als preisdämpfender Bestandteil des Materialportfolios wirken. Entscheidend ist dabei nicht allein ein punktueller Preisvorteil gegenüber Virgin-Material, sondern die langfristige Verfügbarkeit geeigneter Qualitäten und die Absicherung gegen starke Ausschläge auf den Primärrohstoffmärkten.

Diese Frage gewinnt zusätzlich an Bedeutung durch regulatorische Anforderungen. Ab dem 12. August 2026 müssen Konformitätserklärungen für Verpackungen in der EU verbindlich vorliegen. Damit verschiebt sich die Perspektive für Brand Owner: Im Mittelpunkt steht künftig weniger die kurzfristige Differenz zwischen Rezyklat- und Neuwarepreisen, sondern die Frage, ob ausreichend hochwertiges Material in passender Qualität verfügbar ist und welche Risikoprämien damit verbunden sind.

Zugleich gelangen kreislaufbasierte Anwendungen zunehmend auch in kontaktsensitive Bereiche. Regranulate mit Eignung für Lebensmittel- und Pharmaverpackungen sind verfügbar. Projekte wie ein von Morssinkhof Plastics in den Niederlanden entwickelter und von der EFSA bewerteter Prozess für rHDPE und rPP aus ausgedienten Logistikbehältern aus dem Lebensmittelbereich zeigen, dass der Einsatz in neuen Food-Crates technisch und regulatorisch erreichbar ist.

Für die flexible Verpackungsindustrie folgt daraus: Wer nur die Preisentwicklung der Folien-Substrate betrachtet, erfasst den Marktmechanismus nur teilweise. Die maßgeblichen Bewegungen entstehen auf der Granulatebene. In einem Umfeld knapper und teurer primärer Polyolefine wird rLDPE zu einer strategisch relevanten Beschaffungsalternative. Es zeigt eine geringere Volatilität, unterstützt eine planbarere Materialversorgung und steht zugleich im Kontext der wachsenden regulatorischen Anforderungen an Verpackungen in Europa.

Weitere Informationen: www.recycario.com, www.prognostica.de

Recycario Data Science Institut für wirtschaftliches Kunststoffrecycling, Erlensee

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