| 29.07.2026, 14:53 Uhr | Lesedauer: ca. 8 Minuten |
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Eine aktuelle Untersuchung der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission (Joint Research Centre, JRC) bewertet die wirtschaftlichen Perspektiven des chemischen Kunststoffrecyclings in der Europäischen Union. Im Mittelpunkt stehen der technologische Entwicklungsstand, die Produktions- und Investitionskosten sowie die Frage, unter welchen regulatorischen und marktseitigen Bedingungen entsprechende Verfahren wirtschaftlich betrieben werden könnten. Der Bericht „Economic viability of chemical recycling – Current and future perspectives“ (107 Seiten, siehe Anlage) wurde von Pierre Gaudillat, Robert Marschinski und Hans Saveyn verfasst und am 22. Juli 2026 veröffentlicht. Die Analyse beschreibt den Stand des Jahres 2025 und konzentriert sich insbesondere auf Solvolyse und Pyrolyse, die derzeit zu den technisch und industriell relevantesten Verfahren des chemischen Recyclings zählen. Chemisches Recycling umfasst unterschiedliche Verfahrenswege Unter chemischem Recycling fasst der Bericht Verfahren zusammen, bei denen Kunststoffabfälle in chemische Grundstoffe, Zwischenprodukte oder molekulare Bausteine zerlegt werden. Diese Stoffe können anschließend erneut als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Kunststoffen eingesetzt werden. Im Unterschied zum mechanischen Recycling wird das Material dabei nicht lediglich sortiert, zerkleinert, aufgeschmolzen und erneut verarbeitet. Stattdessen wird die Polymerstruktur chemisch verändert oder aufgespalten. Dadurch sollen grundsätzlich auch Abfallströme erschlossen werden, die aufgrund ihrer Zusammensetzung, Verschmutzung oder Materialkombination für das mechanische Recycling nur eingeschränkt geeignet sind. Der Begriff bezeichnet allerdings keine einheitliche Technologie. Die Verfahren unterscheiden sich erheblich hinsichtlich der einsetzbaren Kunststoffarten, der Anforderungen an die Abfallqualität, der entstehenden Produkte, des Energiebedarfs und des technischen Reifegrads. Eine allgemeine Bewertung des „chemischen Recyclings“ ist daher nur begrenzt möglich. Wirtschaftliche Aussagen müssen jeweils auf konkrete Verfahren, Einsatzstoffe und Produktpfade bezogen werden. Schwerpunkt auf Pyrolyse und Solvolyse Die JRC-Untersuchung richtet den Blick vor allem auf Pyrolyse und Solvolyse. Bei der Pyrolyse werden Kunststoffabfälle unter Sauerstoffausschluss thermisch zersetzt. Dabei entstehen flüssige, gasförmige und feste Produkte. Von besonderem wirtschaftlichem Interesse ist Pyrolyseöl, das nach weiteren Aufbereitungs- und Reinigungsschritten als Rohstoff in petrochemischen Anlagen eingesetzt werden kann. Die Prozesskette reicht damit über die eigentliche Recyclinganlage hinaus: Vorbehandlung, Pyrolyse, Reinigung, Transport und nachgelagerte Verarbeitung beeinflussen gemeinsam die Kosten und die Qualität des erzeugten Rohstoffs. Solvolyseverfahren nutzen Lösungsmittel beziehungsweise chemische Reaktionsmedien, um Polymere aufzulösen oder in ihre Ausgangsstoffe zurückzuführen. Sie kommen vor allem für bestimmte, vergleichsweise klar definierte Kunststoffarten infrage. Abhängig vom Polymer können Monomere oder andere chemische Zwischenprodukte gewonnen werden, aus denen erneut Kunststoffe hergestellt werden. Die Wirtschaftlichkeit hängt dabei unter anderem von der Reinheit der Eingangsmaterialien, der Rückgewinnung der eingesetzten Lösungsmittel und dem Aufwand für die Trennung und Reinigung der Produkte ab. Kostenparität mit fossilen Neuware-Kunststoffen wird nicht erreicht Die zentrale wirtschaftliche Aussage des Berichts lautet, dass chemisch recycelte Kunststoffe beziehungsweise die dafür erzeugten Rohstoffe unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Europäischen Union keine Kostenparität mit konventionellen Kunststoffen aus fossilen Primärrohstoffen erreichen. Chemisches Recycling steht damit nicht nur im Wettbewerb mit anderen Recyclingverfahren, sondern auch mit etablierten petrochemischen Produktionsketten. Diese verfügen über große Anlagen, eingespielte Logistiksysteme und langjährig optimierte Prozesse. Ihre Kosten hängen zudem stark von den Preisen für Erdöl, Erdgas und petrochemische Grundstoffe ab. Sinken die Preise fossiler Rohstoffe, verschlechtert sich in der Regel die relative Wettbewerbsposition recycelter Alternativen. Aufseiten des chemischen Recyclings fallen dagegen zusätzliche Kosten für Sammlung, Sortierung, Vorbehandlung und Qualitätskontrolle der Kunststoffabfälle an. Hinzu kommen Investitionen in neue Anlagen und Aufbereitungsschritte. Auch Verluste innerhalb der Prozesskette sind wirtschaftlich relevant: Nicht die gesamte eingesetzte Abfallmenge wird zu einem Rohstoff, der anschließend tatsächlich für neue Kunststoffe verwendet werden kann. Der Bericht berücksichtigt deshalb sowohl laufende Produktionskosten als auch den Kapitalbedarf für den Bau entsprechender Anlagen. Darüber hinaus betrachtet er den technischen Reifegrad und die praktischen Einschränkungen der Verfahren. Ausgangsmaterial und Produktqualität bestimmen die Wirtschaftlichkeit Ein wesentlicher Kostenfaktor ist die Beschaffenheit der verfügbaren Kunststoffabfälle. Chemische Recyclingverfahren werden häufig als Möglichkeit betrachtet, gemischte oder schwer mechanisch verwertbare Abfälle zu behandeln. In der Praxis können jedoch auch diese Anlagen nicht beliebige Abfallgemische ohne Vorbehandlung einsetzen. Störstoffe, Feuchtigkeit, organische Verunreinigungen, ungeeignete Polymere und Additive können die Ausbeute verringern, die Produktqualität beeinträchtigen oder zusätzliche Reinigungsschritte erforderlich machen. Je heterogener das Ausgangsmaterial ist, desto höher können Sortier-, Aufbereitungs- und Entsorgungskosten ausfallen. Gleichzeitig beeinflusst die Qualität des erzeugten Rohstoffs dessen Marktwert. Produkte, die erst umfangreich gereinigt oder mit fossilen Rohstoffen vermischt werden müssen, können wirtschaftlich anders bewertet werden als unmittelbar einsetzbare Monomere oder standardisierte chemische Grundstoffe. Entscheidend ist daher nicht allein, ob ein Kunststoffabfall technisch umgewandelt werden kann, sondern welche Menge eines marktfähigen Produkts nach allen Prozess- und Aufbereitungsschritten tatsächlich verfügbar ist. Technischer Reifegrad begrenzt belastbare Kostenvergleiche Die betrachteten Technologien befinden sich nicht auf einem einheitlichen Entwicklungsstand. Während einzelne Verfahren und Anlagen bereits kommerziell betrieben werden, befinden sich andere noch in Demonstrations-, Hochlauf- oder Optimierungsphasen. Kostenangaben aus Pilot- und Demonstrationsanlagen sind nur eingeschränkt auf größere industrielle Anlagen übertragbar. Bei neuen Technologien werden häufig Kostensenkungen durch Skaleneffekte, Prozessverbesserungen und steigende Betriebserfahrung erwartet. Ob und in welchem Umfang diese eintreten, hängt jedoch von der technischen Zuverlässigkeit, der Auslastung der Anlagen, der Verfügbarkeit geeigneter Abfallströme und der Integration in bestehende industrielle Strukturen ab. Für die wirtschaftliche Bewertung ist insbesondere die Anlagenauslastung relevant. Chemische Recyclinganlagen benötigen kontinuierlich verfügbare Einsatzstoffe mit ausreichend stabiler Zusammensetzung. Schwankende Mengen oder Qualitäten können Stillstände verursachen oder eine aufwendigere Vorbehandlung notwendig machen. Gleichzeitig konkurrieren Recyclingunternehmen teilweise mit mechanischen Verwertern oder anderen Entsorgungswegen um geeignete Kunststoffabfälle. Regulatorische Nachfrage kann den Marktwert erhöhen Trotz des bestehenden Kostenabstands sieht das JRC eine mögliche Rolle des chemischen Recyclings bei der Versorgung des europäischen Marktes mit recycelten Kunststoffen. Ausschlaggebend könnten insbesondere gesetzlich vorgeschriebene Rezyklatanteile sein. Die EU-Verpackungsverordnung und die Vorgaben der Einwegkunststoffrichtlinie schaffen beziehungsweise verstärken eine Nachfrage nach Kunststoffrezyklaten, die bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen und für regulierte Anwendungen eingesetzt werden können. Weitere vergleichbare Vorschriften könnten den Bedarf künftig erhöhen. Damit verändert sich die wirtschaftliche Vergleichsgrundlage. Ist ein bestimmter Anteil recycelten Materials gesetzlich vorgeschrieben, konkurriert das chemisch erzeugte Rezyklat nicht mehr ausschließlich über den Preis mit fossiler Neuware. Es erhält zusätzlich einen regulatorisch bedingten Wert, weil Hersteller die vorgeschriebenen Rezyklatquoten erfüllen müssen. Besonders relevant könnte dies für Anwendungen sein, bei denen mechanisch erzeugte Rezyklate aufgrund von Qualität, Materialeigenschaften, Verfügbarkeit oder regulatorischen Anforderungen nicht in ausreichender Menge eingesetzt werden können. Chemisches Recycling könnte in solchen Fällen zusätzliche Rohstoffmengen liefern. Der Bericht stellt es damit nicht als generellen Ersatz für mechanisches Recycling dar, sondern als möglichen ergänzenden Pfad innerhalb eines breiteren Recyclingsystems. Wirtschaftlichkeit hängt von der Anerkennung als Rezyklat ab Für Investitionen ist entscheidend, unter welchen Voraussetzungen Produkte aus chemischen Recyclingprozessen rechtlich als recycelter Inhalt anerkannt werden. Die Antwort beeinflusst unmittelbar, ob Hersteller diese Mengen auf gesetzliche Rezyklatquoten anrechnen können und welchen Preis sie für entsprechende Rohstoffe zu zahlen bereit sind. Eine besondere Rolle spielt dabei die rechnerische Zuordnung recycelter Rohstoffanteile in integrierten petrochemischen Anlagen. Dort werden Pyrolyseöle oder andere recycelte Ausgangsstoffe häufig gemeinsam mit fossilen Rohstoffen verarbeitet. Die physische Trennung der daraus erzeugten Produkte ist innerhalb solcher Anlagen vielfach nicht möglich. Rezyklatanteile werden deshalb über Bilanzierungs- und Zuordnungsverfahren nachgewiesen. Die konkrete Ausgestaltung solcher Regeln kann die wirtschaftlichen Perspektiven chemischer Recyclingprojekte wesentlich verändern. Strenge, uneinheitliche oder langfristig ungeklärte Anerkennungskriterien erhöhen regulatorische Risiken. Klare und verlässliche Vorgaben erleichtern dagegen die Bewertung künftiger Erlöse und damit Investitionsentscheidungen. Keine allgemeine wirtschaftliche Vorteilhaftigkeit Aus der Untersuchung lässt sich keine pauschale Aussage ableiten, wonach chemisches Recycling als Ganzes wirtschaftlich rentabel oder unrentabel sei. Die Ergebnisse hängen vom jeweiligen Verfahren, der eingesetzten Abfallfraktion, der Anlagengröße, dem Standort, den Energie- und Rohstoffpreisen sowie den gesetzlichen Rahmenbedingungen ab. Auch die Wahl des Vergleichsmaßstabs ist entscheidend. Ein Verfahren kann gegenüber der Herstellung fossiler Neuware kostenmäßig im Nachteil sein, gleichzeitig aber unter bestimmten Bedingungen eine wirtschaftlichere Alternative zur Verbrennung oder zu anderen Abfallbehandlungswegen darstellen. Umgekehrt kann ein chemisches Verfahren technisch geeignet sein, ohne gegenüber mechanischem Recycling wirtschaftlich oder ressourcenbezogen vorteilhaft zu sein. Für belastbare Investitionsentscheidungen sind deshalb fallbezogene Analysen erforderlich. Sie müssen die vollständige Wertschöpfungskette berücksichtigen – von der Sammlung und Vorbehandlung der Abfälle über die Umwandlung und Produktaufbereitung bis zur Nutzung der erzeugten Rohstoffe in der Kunststoffproduktion. Einordnung für die Kunststoffwirtschaft Der Bericht zeichnet insgesamt ein zurückhaltendes Bild. Chemisches Recycling ist demnach gegenwärtig kein kostengleicher Ersatz für die Herstellung von Kunststoffen aus fossilen Rohstoffen. Hohe Investitionen, zusätzliche Prozessschritte, schwankende Ausgangsmaterialien und teilweise noch nicht vollständig ausgereifte Technologien begrenzen die Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig könnten verbindliche Rezyklatquoten einen eigenständigen Markt schaffen, in dem nicht allein der Preis gegenüber fossiler Neuware entscheidet. Können chemisch erzeugte Rohstoffe rechtssicher auf solche Quoten angerechnet werden, kann ihr Marktwert steigen. Dies gilt insbesondere für Anwendungen, für die geeignete mechanische Rezyklate nicht in ausreichender Menge oder Qualität zur Verfügung stehen. Die wirtschaftliche Entwicklung wird daher wesentlich von drei Faktoren abhängen: der technischen und betrieblichen Verbesserung der Verfahren, dem Zugang zu geeigneten und kontinuierlich verfügbaren Kunststoffabfällen sowie der konkreten Ausgestaltung europäischer Vorgaben für Rezyklatanteile und deren Nachweis. Chemisches Recycling dürfte nach Einschätzung des JRC somit vor allem als Ergänzung bestehender Recyclingwege relevant werden. Sein Einsatz erscheint dort wirtschaftlich am ehesten begründbar, wo mechanisches Recycling technisch oder qualitativ an Grenzen stößt und zugleich eine regulatorisch abgesicherte Nachfrage nach hochwertigen recycelten Kunststoffrohstoffen besteht. Dateianhang zur Meldung: Quelle: JRC-Bericht „Economic viability of chemical recycling – Current and future perspectives“, JRC147061, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, veröffentlicht am 22. Juli 2026. https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC147061 |
Joint Research Centre, Brüssel, Belgien
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